Berufspolitik


18.06.2026

Patientenversorgung ist regional – warum GOIN jetzt zur Modellregion der Versorgung von morgen werden kann


Liebe Kolleginnen und Kollegen,
das vorliegende Positionspapier, das ich für die vom BMG zu installierende Strukturkommission geschrieben habe, beschreibt im Kern einen einfachen, aber für uns hochrelevanten Gedanken: Die Zukunft der ambulanten Versorgung wird nicht durch immer neue Spargesetze, Einzelmaßnahmen oder Bürokratieprogramme gesichert, sondern durch tragfähige regionale Versorgungsstrukturen. Genau darin liegt die besondere Chance für GOIN und für die ärztliche Versorgung in der Region 10. Denn Patientenversorgung findet nicht abstrakt in Berlin, München oder in Gremien statt – sie findet in unseren Praxen, in unseren Facharztstrukturen, in unseren Kooperationswegen, in unseren gewachsenen Vertrauensbeziehungen und in unserer gemeinsamen Verantwortung für die Patienten vor Ort statt.
 
Mein Positionspapier setzt deshalb bewusst den Gegenakzent zur aktuellen Engführung der Gesundheitspolitik auf Beitragssatzstabilisierung, Budgetdruck und lineare Kürzungen. Es geht nicht um ein weiteres Sparprogramm, sondern um den Wechsel von der Sparpolitik zur Strukturpolitik. Die entscheidende These lautet: Das deutsche Gesundheitswesen hat nicht in erster Linie zu wenig Ressourcen, sondern zu wenig operative Architektur. Wir haben zu viele Krankenhauskapazitäten, hohe Ausgaben und zugleich zu viele unkoordinierte Wege, zu viele Sektorengrenzen, zu viele Datenbrüche und zu wenig verbindliche Pfade. Genau hier kann eine starke regionale ärztliche Struktur wie GOIN zeigen, dass Versorgung anders organisiert werden kann: hausärztlich verankert, fachärztlich integriert, digital unterstützt, vertraglich verbindlich und konsequent am Patientennutzen orientiert.
 
Für GOIN ist dieser Ansatz deshalb so attraktiv, weil wir in der Region 10 bereits das besitzen, was die Gesundheitspolitik jetzt sucht: eine gewachsene Mesoebene zwischen Einzelpraxis und Systempolitik. GOIN ist kein loses Adressverzeichnis, sondern ein ärztliches Netzwerk mit regionaler Identität, Kooperationsfähigkeit, Erfahrung in Selektivverträgen, Nähe zu den Facharzt- und Hausarztpraxen sowie einem realen Versorgungsraum. Gemeinsam mit den aktiven GOIN-Mitgliedern kann daraus ein Strukturmodell entstehen, das politisch anschlussfähig, medizinisch plausibel und ökonomisch relevant ist. Die Formel lautet: Regionale Versorgung braucht regionale Verantwortung – und regionale Verantwortung braucht eine ärztlich getragene Struktur.
 
Der zentrale Vorteil für die GOIN-Ärztinnen und -Ärzte liegt darin, dass dieses Modell die Rolle der niedergelassenen Praxis stärkt. Das geplante Primärversorgungssystem wird zum Verantwortungsanker der Versorgungspfade: nicht als bürokratische Zugangsbremse, sondern als Koordinator und Vertrauensinstanz. Die Fachärztinnen und Fachärzte sind nicht nachgeordnet, sondern verbindlich und auf gleicher Augenhöhe in Versorgungspfaden etabliert. Damit entsteht kein Gegeneinander von Haus- und Fachärzten, sondern eine neue regionale Arbeitsarchitektur: Hausarzt- und Facharztpraxis bleiben eigenständig – aber die Versorgung wird aus Struktursicht noch mehr integriert. Gerade für GOIN ist das ideal, weil wir seit Jahren genau diese Verbindung zwischen hausärztlicher Breite und fachärztlicher Tiefe praktisch leben.
 
Der zweite Vorteil ist die vertragliche Verbindlichkeit. Viele Reformen scheitern daran, dass sie nur appellieren: Man „soll“ koordinieren, man „soll“ überweisen, man „soll“ Befunde austauschen, man „soll“ sektorenübergreifend arbeiten. Das MEDI-HZV-GOIN-Strukturprinzip geht weiter. Es definiert Rollen, Schnittstellen, Rückmeldungen, Qualitätskorridore und Versorgungswege vertraglich. Für die Praxen bedeutet das: weniger Zufall, weniger informelle Improvisation, weniger Einzelkämpfertum. Stattdessen entstehen klare Pfade, klare Zuständigkeiten und eine bessere Planbarkeit. Genau daraus kann auch eine bessere Honorierungslogik entstehen: Wer Verantwortung übernimmt, wer koordiniert, wer unnötige Eskalationen vermeidet, wer Qualität messbar macht, muss dafür auch strukturell und ökonomisch besser gestellt werden.
 
Der dritte Vorteil ist die digitale Prozessarchitektur. Digitalisierung darf für uns nicht bedeuten, dass jede Praxis noch mehr Portale, Passwörter, Zusatzdokumentation und technische Insellösungen bedienen muss. Richtig verstanden ist Digitalisierung kein Zusatzaufwand, sondern Prozessersatz. ePA, KIM, eArztbrief, eRezept, TI-Messenger, strukturierte Daten, FHIR/MIO und perspektivisch KI-gestützte Assistenzsysteme müssen dort wirken, wo Versorgung tatsächlich stattfindet: in abgestimmten regionalen Prozessen. Für GOIN eröffnet das die Chance, nicht Objekt der Digitalisierung zu sein, sondern Gestalter einer digitalen Versorgungsregion. Wir können zeigen, wie digitale Werkzeuge den Praxisalltag entlasten, Befundwege beschleunigen, Medikationssicherheit verbessern, Doppeluntersuchungen vermeiden und Patienten gezielter durch das System führen.
 
Der vierte Vorteil liegt in der politischen Anschlussfähigkeit. Das Bundesgesundheitsministerium sucht im Rahmen der anstehenden Strukturvorhaben nach belastbaren regionalen Modellen. Die Krankenhausreform braucht eine ambulante Spiegelarchitektur. Die Notfallreform braucht regionale Steuerung statt neuer Doppelstrukturen. Die Ambulantisierung braucht Pfade statt bloßer Vergütungsverschiebung. Die ePA und der Europäische Gesundheitsdatenraum brauchen reale Anwendungsräume. Genau diese Punkte kann GOIN in der Region 10 zusammenführen. Wir sind damit nicht Bittsteller, sondern Angebotsträger: Wir können der Politik eine Top-Region anbieten, in der Hausärzte, Fachärzte, digitale Infrastruktur, Versorgungssteuerung und wissenschaftliche Evaluation zusammenkommen.
 
Für die einzelne Praxis bedeutet das sehr konkret: bessere regionale Sichtbarkeit, stärkere Verhandlungsposition gegenüber Krankenkassen und Politik, neue selektivvertragliche Entwicklungsmöglichkeiten, weniger ungeordnete Inanspruchnahme, bessere fachliche Rückkopplung, strukturierte Patientenpfade und die Chance, medizinische Qualität nicht nur zu behaupten, sondern über Outcome- und Versorgungsdaten sichtbar zu machen. Besonders wichtig ist: Dieses Modell schützt die freiberufliche Praxis. Es ersetzt die ärztliche Selbstständigkeit nicht durch Konzernmedizin oder zentralistische Staatssteuerung, sondern macht die regionale Ärzteschaft selbst zum Träger der Strukturreform.
 
Deshalb ist das Positionspapier für GOIN mehr als ein gesundheitspolitischer Text. Es ist eine strategische Einladung. Es beschreibt, wie aus einem bestehenden Ärztenetz eine regionale Zukunftsplattform werden kann: ein Betriebssystem integrierter Versorgung, getragen von Haus- und Fachärzten, unterstützt durch digitale Infrastruktur, anschlussfähig an Ministerien, Krankenkassen und Innovationsprojekte, aber verwurzelt in der konkreten Versorgung unserer Patientinnen und Patienten in der Region 10.
 
Die Kernbotschaft lässt sich auf einen Satz verdichten: Wenn Patientenversorgung regional ist, dann muss auch die Reform regional organisiert werden – und GOIN ist prädestiniert, genau diese Rolle zu übernehmen. Nicht als Modellprojekt auf dem Papier, sondern als sichtbare Top-Region für eine bessere, ärztlich geführte, digital unterstützte und wirtschaftlich tragfähige Versorgung.

Ihr Prof. Dr. med. Siegfried Jedamzik


Stellungnahme und Aufruf des GOIN-Netzwerks

Das Ärztenetz GOIN e.V. informiert über die aktuellen gesundheitspolitischen Entwicklungen und deren Auswirkungen auf die ambulante Versorgung in unserer Region. Im Fokus stehen insbesondere das GKV-Sparpaket, die Empfehlungen der FinanzKommission Gesundheit sowie die geplante Notfallreform.

Die bereitgestellten Dokumente geben einen Überblick über die Hintergründe, zeigen die konkreten Folgen für Praxen und Patienten auf und formulieren die Position sowie Forderungen des GOIN-Netzwerks. Weitere Details und Handlungsempfehlungen entnehmen Sie bitte den Dokumenten unten.

 

Gemeinsame Videokonferenz – Ihre Teilnahme ist gefragt!
Wir laden Sie herzlich zur gemeinsamen Videokonferenz ein und bitten um eine rege Beteiligung. Nutzen Sie die Gelegenheit zum Austausch und zur aktiven Mitwirkung.

Thema: aktuelle Gesundheitsreformen, Auswirkungen auf GOIN-Praxen und gemeinsames weiteres Vorgehen.

Termin: Mittwoch, 29.04.2026 um 19:00 Uhr
Klicken Sie einfach auf den Einladungslink oder scannen Sie den QR-Code. Die Teilnahme ist unkompliziert möglich – klicken Sie einfach auf den Einladungslink oder scannen Sie den QR-Code.

Link: https://us06web.zoom.us/j/88906624757?pwd=tqmmbXQDNc3enHk72MEdjxry43Mltd.1